Schönheit die verletzen kann...
Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst. Pass auf, kleiner Mund, was du sprichst. Denn der Vater in den Himmeln schaut herab auf dich. Drum pass auf, kleiner Mund, was du sprichst...
In letzter Zeit ist mir immer wieder aufgefallen wie sehr diese Worte aus dem Kinderlied zutreffend sind. Man weiß nie was man mit seinen Worten bei anderen anrichten kann, wie man ihnen damit schaden hinzufügt. Egal um was es geht, in meinen Fall ist es z.B. das Thema Aussehen. Ich möchte euch mit reinnehmen warum mich dieses Thema so sehr triggert und was ich aktuell versuche zu unternehmen, damit ich leichter mit dem Thema umgehen kann.
Das Thema Aussehen hat in mir eine riesengroße Wunde hinterlassen und leider passiert es immer noch, manchmal mit Absicht und manchmal Unbeabsichtigt, das ich auf mein Aufsehen reduziert und in "Kategorieren" eingeordnet werde. Am Wochenende, am Samstag waren bei uns die Bibeltage in der BEG und ich habe immer wieder zu hören bekommen: "Man siehst du müde aus...". Schon alleine diese Aussage macht mich unsicher und es hat seine Gründe warum es so ist. Bei mir ist es sogar so schlimm, das selbst Komplimente bei mir eine riesengroße Verzweiflung hervor rufen, da ich dann hinterfrage, ob es gut gemeint war oder ob es einfach nur so gesagt wurde um höflich zu sein.
Mein Leidensweg begann in meinen letzten beiden Schuljahren. Ich war 14 und wurde anhand meines Äußeren ausgegrenzt. Meine männlichen Klassenkameraden waren sehr verletzend. Ich musste mir aufgrund meiner sehr hellen Hautfarbe die Bezeichnungen: "Leiche", "Moorleiche", "mit der Leiche wollen wir nichts zu tun haben", "Ihh, schau mal die Leiche" oder "boah, die nimmt bestimmt Drogen" anhören. Es wurden Lieder gedichtet und bald wusste der ganze Schulhof bescheid, das man mich wegen meines äußeren lieber meiden sollte, als mal mit mir zu reden und zu hinterfragen, ob es wirklich so ist. Ich habe mich damals nicht, wie andere in meiner Klasse oder auf der Schule geschminkt und ich hatte auch nicht wirklich einen Kopf dafür gehabt, dass ich mich modischer Kleiden sollte. Diese Beschimpfungen und Ausgrenzungen gehen mir bis heute unter die Haut, ich leide weil es damit nicht aufgehört hat. Später habe ich z.B. gemerkt das meine Schwester mehr Aufmerksamkeit von Männern bekommt als ich. Da ich in der Welt war, hab ich mich natürlich gefragt, was stimmt nicht mit mir. Innerhalb meiner Familie wurde mir dann öfters mitgeteilt, dass wenn ich mich auch ein bisschen mehr aufhübschen würde, dann würde ich mehr Beachtung bekommen. Nur wenn ich dann meine Schwester erlaubt habe, mich für einen gemeinsamen Ausgehabend "aufzuhübschen", fühlte ich mich so gefangen das ich nicht mitbekam das auch mir Aufmerksamkeit der Männerwelt zuteil wurde. Meine Exfreunde habe ich alle über Dating-Apps kennengelernt. Es waren keine Beziehungen die mir wirklich gut taten. Auch von meinen Dates wurde mir öfters mitgeteilt, ich sehe auf Fotos hübscher aus als in der Realität, dabei hatte ich nicht einen Filter auf meinen Foto, also habe ich mich gefragt, ob der Mann blind ist. Das alles löste noch tiefere Wunden in mir aus, als die, die sowieso schon da waren.
Es hat sehr lange gebraucht, bis ich besser damit umgehen konnte. Ich habe nach den Mobbingerfahrungen angefangen, mich in meinen Zimmer zu verkriechen. Ich wollte niemanden sehen und erst recht nicht mit jemanden reden. Bedürfnisse die ein Teenager in dieser Zeit hat, habe ich mir auf andere spezielle Wege geholt. Es war eine Zeit in der ich sehr mit mir zu kämpfen hatte, mit meiner Identität und mit meiner Wut. Ich lief dann lange nur mit Jogginghose und T-Shirt herum und wollte überhaupt nichts ändern an dieser Tatsache. Natürlich wurde ich auch darauf immer wieder angesprochen. Als ich dann in meine Ausbildung gegangen bin, musste ich mich natürlich etwas anders kleiden. Im Büro mit Jogginghose zu sitzen war jetzt nicht die idealste Idee. Aber zuhause war dann die Jogginghose schnell wieder hervorgeholt.
Auch mein Gewicht spielte immer wieder eine Rolle. Ich war immer korpulenter, auch in den Zeiten wo ich noch nicht viel Gewicht hatte. Auch dies wurde mir immer wieder schamlos mitgeteilt. Immer wieder kritisiert. Ich habe mit Frustessen angefangen, da war ich 14 Jahre, es war die Zeit in der ich gemobbt wurde. Eine kurze Zeit ging es gut, denn erstmal ging es nur in die Höhe, aber irgendwann war es dann nicht mehr meine Körperlänge sondern meine Körperbreite. Mit der Einnahme durch Antidepressiva war mein Schicksal dann besiegelt und heute bin ich leider im extremen Übergewicht. Es stört mich selbst am meisten, aber wenn man dann auch noch immer darauf reduziert wird und man mit dem Aussehen sowieso am kämpfen ist, dann wird es auch nicht leichter. Zudem ist Sport ein großer Trigger für mich. Ich konnte lange kein Sport machen, da ich in der Schule immer die Schwächste war und natürlich sowie Kinder halt sind, haben sie mich das auch spüren lassen. Bei Gruppenspielen wie z.B. Völkerball wurde ich immer als letzte ausgewählt und mein ehemaliger stellvertretender Schulleiter, hat mir dann den Rest gegeben, als er mich bei den Bundesjugendspielen vor allen anderen ausgelacht hat. Als meine Mutter das gehört hat, hat sie mir erlaubt, nie wieder Sport mitmachen zu müssen. Ich habe entweder eine Entschuldigung von ihr bekommen oder mich einfach nur noch geweigert, was natürlich dann auch meine Schulnote sehr beeinträchtigt hat. Heute ist es so, das ich in einer Gruppe kein Sport mehr machen kann, ich fühle mich extrem unwohl oder kriege eine Panikattacke, fange an zu weinen und alles schnürt sich in mir zu. Durch die letzte Reha im Oktober 2025 konnte ich mich zwar dem Thema Bewegung wieder etwas öffnen, aber nur wenn ich für mich alleine Sport machen durfte oder wenn die Gruppe weit weg war und ich hinten alleine mein Tempo einhalten durfte. Trotzdem hat die letzte Reha in diesen Bereich nochmal ein umdenken statt finden lassen und ich versuche mit dem Thema Bewegung mehr zu öffnen und zuhause auch mal Sport zu machen. Leider klappt es aktuell noch nicht wirklich regelmäßig, aber es wird besser.
Aktuell händle ich das Thema aussehen so, dass ich wenn ich raus gehe immer etwas Make-Up (z.B. beim Einkaufen) oder geschminkt bin (z.B. wenn ich in meine Gemeinde fahre). Ungeschminkt laufe ich nur zuhause herum. Dort lasse ich mich auch gerne mal gehen. Mein Kleidungsstil habe ich auch versucht zu ändern, zuhause laufe ich gerne immer noch in den bequemsten Kleidungsstücken herum, aber öffentlich habe ich angefangen gerne Kleider zu tragen. Ich liebe meine Kleider so sehr. Ich weiß sie sind nur Kleidungsstücke, aber ich habe das Gefühl, das ich die Kontrolle über meinen Kleidungsstil habe. Denn ich laufe in der Kleidung rum, in der ich mich wohl fühle. Dabei achte ich am meisten darauf, das sie einfach bequem sitzt und das so viel wie möglich bedeckt ist. Da meine Mama mich früher immer wieder darauf hingewiesen hat, das bei Hosen mein halber Hintern immer hinaus geschaut hat, trage ich nicht mehr so gerne Hosen außerhalb meines Zuhauses. Sie meinte immer zu mir: "Versteck deinen Hintern, das sieht nicht schön aus!" Bei Kleidern trage ich deshalb gerne Leggings unterm Kleid. So weiß ich es schaut nichts heraus, falls sich das Kleid mal verfangen hat und hochgerafft ist. Ich mache das inzwischen nicht mehr für jemanden. Ich mache es für mich. Ich schaue auf mich und möchte mich einfach wohl fühlen mit dem wie ich aussehe und wie ich mich kleide.
Dennoch habe ich natürlich als Christin Ziele und Wünsche und ich hoffe in der Zusammenarbeit mit Gott irgendwann mal auf den Stand zu kommen, das mein Glaube und mein Aussehen über eins kommt.
Mein größtes Ziel ist es, mich vielleicht irgendwann mal zu trauen, dass ich ungeschminkt irgendwo hinfahren kann, ohne gleich kritisiert zu werden. Das machen Menschen leider nur zu gerne. Ich hoffe das Gott mir dafür irgendwann mal in diesem Punkt taube Ohren schenkt. Denn ja ich sehe müde aus wenn ich mich nicht schminke. Wie sollte es denn auch anders sein? Was Menschen gerne unterschätzen, weil sie nicht wissen wie es ist mit einer psychischen Erkrankung zu leben, das der Körper und der Geist durch dieses Leiden nie wirklich zur Ruhe kommen. Und weil das so ist, weil man nicht zur Ruhe kommt, kann man auch nicht erholt aussehen. Es ist als ob man die ganze Zeit nur am arbeiten ist, wenn man wach ist. Es gibt keinen Ausschalter, keinen Feierabend. Der Kopf ist auf Alarm gestellt und der Körper die ganze Zeit angespannt. Es gibt kein Entspannen, es gibt kein Ausschalten.
Unser Gastprediger hat am Wochenende über sein Kind berichtet, das an Down-Syndrom leidet, das Leben mit diesem besonderen Kind und wie es sein wird, wenn er und sein Kind im Himmel aufeinander treffen werden. Und er hat es auf den Punkt gebracht mit der Aussage das wir dort alle neu gemacht werden. Es wird keine Krankheit mehr geben und er wird mit seinem Kind ein ganz normales Gespräch führen können. So wird es auch für mich sein. Ich werde nicht mehr angespannt sein, erst dort werde ich meinen Ausschalter finden. Jesus selbst wird meine angegriffene Seele und meinen angegriffenen Körper ausschalten. (Philipper 3,20-21: Wir aber sind Bürger im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern geringen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann) & (1. Korinther 15, 52-53: und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit). Ich warte sehnsüchtig auf diesen Moment, denn ich weiß gar nicht mehr wie es sich anfühlt normal zu sein und nicht angegriffen.
Also ja ich sehe Müde aus und um diesem Aussehen und seiner Kommentare aus dem Weg zu gehen, versuche ich Vorbeugungen zu treffen. Ich versuche einfach alles, damit ich mich so gut wie möglich fühle, um mit anderen Menschen zu recht zu kommen. Trotzdem hoffe ich das Gott mit mir weiter arbeitet und mir zeigt, das ich dies alles gar nicht nötig habe. Das es nicht darauf ankommt das ich mich hübsch fühle, denn er hat doch jeden Menschen nach seinen Ebenbild erschaffen (1. Mose 1,27: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau).